15.06.2018

REVIEW: EIN ERFAHRUNGSBERICHT AUS ALBANIEN UND ITALIEN

Als kleiner Exkurs bzw. Nachtrag hier noch ein allgemeiner Erfahrungsbericht zu den Beiträgen aus Italien und Albanien der Familie Steingässer.


Ich bin ehrlich - meine erste Bedenken gegenüber „Schlauchboote“ als Kajak-Ersatz waren riesig!

Ich bin in einer Wassersport-Familie aufgewachsen: im Kanadier saß ich schon, da hatte ich noch Windeln an und konnte nicht laufen. Mein erstes Wildwasser-Kajak bekam ich zum zehnten Geburtstag. Paddeln war schon immer pure Freiheit für mich. Aber in ein „Schlauchboot“ haben mich keine zehn Pferde rein bekommen.

Jens mit Faltrad


Seit zehn Jahren arbeite ich als Fotograf gemeinsam mit meiner Frau, einer Ethnologin und Autorin, an umweltjournalistischen Reportage-Projekten (u.a. für National Geographic, GEO u.a.).

Unser aktuelles Projekt dreht sich voll und ganz um´s Thema „Wasser“. Gemeinsam mit unseren vier Kindern begeben wir uns auf verschiedene Reise-Etappen, um Geschichten über das „blaue Gold“ zu sammeln. Unsere Abenteuer wollten wir von Anfang an mit kleinem Gepäck, autark und möglichst flexibel realisieren - was zu sechst keine leichte Aufgabe ist, vor allem wenn man sich unterschiedlichsten Wasser-Ökosystemen nähern will.

Jana beim Aufbau der Boote



Auf einer ausgiebigen Testfahrt im Frühjahr 2017 auf dem italienischem Tagliamento testeten wir drei Packrafts von Anfibio Packrafting (MRS Adventure X2, Anfibio Delta MX) und waren begeistert! Die Boote waren die perfekten „Arbeitstiere“ für unsere Ansprüche des leichten und flexiblen Reisens. Zumal wir aufgrund extremen Niedrigwassers mit „echten“ Kanus (und deren höherem Tiefgang) oft nicht weitergekommen wären. Und wenn wir doch mal umtragen mussten, trumpften die Packrafts mit Ihrem geringen Gewicht. 

Niedrigwasser in Albanien




Der Clou für uns ist vor allem das „Mobilitätskonzept“ Packraft-Faltrad-Lastenrad: Auf dem Wasser haben wir immer ein Faltrad dabei, mit dem ich unser schweres Gepäck nachholen kann. Am spontan ausgesuchten Übernachtungsort radle ich mit Faltrad zurück zum Startpunkt, um dort das Lastenrad mit den Schwergewichten wie Zelt und Schlafsäcken nachzuholen. Dies erlaubt uns, auf dem Wasser extrem leicht unterwegs zu sein. 

Faltrad auf dem Boot




Und an Land natürlich auch: die Touristen staunen nicht schlecht, als wir zum Abschluss unserer Italien-Testreise in Venedig die Boote aus zwei Tagesrucksäcken holen und fünf Minuten später auf den Kanälen der Lagunenstadt davonpaddeln.



Für uns ist klar, dass die Packrafts die perfekten Boote für unsere Familien-Wasser-Reportagen sind. Unsere zweite Reise-Etappe auf der Vjosa durch Albanien bestätigte dieses Urteil. Vor allem die Kombination Faltrad-Packraft zeigte auf dieser Reise Ihre Stärken, denn auf diese Weise konnte ich schwierige Flusspassagen alleine erkunden und autark zum Ausgangsort zurückkehren. 



Die Packrafts haben uns als Familie und Reisejournalisten komplett überzeugt - wir freuen uns auf weitere Abenteuer im „Schlauchboot“ ;-)

Anfibio Delta MX (in gelb vorn) und das MRS Adventure X2 (in rot hinten)


31.05.2018

REVIEW ZU DEN WASSERWANDERFÜHRERN DER REIHE KANU KOMPAKT (THOMAS KETTLER VERLAG)

Getreu dem Motto “Plan for water, more than for the trail, the hike will come in anyway" sollte man in der Regel den Wasserstrecken der jeweiligen Tour besondere Aufmerksamkeit schenken. Da es einschlägige Packrafting-Literatur mit entsprechenden kombinierten Routenbeschreibungen bislang schlichtweg nicht gibt, empfiehlt sich daher durchaus auch einen Blick auf konventionelle Kanuführer zu werfen. 






KANU KOMPAKT

Der Name ist Programm: Klein und kompakt kommen die Wasserführer daher und scheinen im Ringbuchformat und mit dem robusten Einband auch für prinzipiell eher bücherfeindliche Situationen gewappnet zu sein. So dürften ein paar Spritzer Wasser der Lektüre nichts anhaben. Mit der praktischen Übersichtskarte im vorderen Umschlag kann man sich vor jeder Tour rasch einen Überblick über die Gegebenheiten verschaffen. Weiterhin sind hier die wichtigsten Zeichen und Symbole im Buch, sowie die allgemeinen Binnenschifffahrtszeichen erklärt.

Jedes Buch ist in vier Hauptabschnitte unterteilt. Zu Beginn kann sich der Leser zunächst ein Bild über die Region und die Wasserstrecke verschaffen. Nebenbei gibt es zahlreiche generelle Tipps zur Ausrüstung für die Bootstouren. Vor allem für Anfänger ist die „Kleine Kajak- und Kanadier-Fahrschule“ praktisch, die in jedem Buch mit enthalten ist. Damit können die grundlegenden Paddelschläge zumindest theoretisch einstudiert werden. Praktisch anwenden kann man dieses Wissen dann bei einer der beschriebenen Touren im folgenden Abschnitt des jeweiligen Buches. Nach jeder Tourenbeschreibung folgen einige Seiten mit den wichtigsten Adressen. Dazu gehören neben Unterkünften und Einkehrmöglichkeiten auch Bootsvermieter und Sehenswürdigkeiten.

Wir haben die vier neu erschienenen Bücher zur Altmühl, zum Spreewald, der Müritz-Elde-Wasserstraße und der Loire bereits etwas genauer unter die Lupe genommen. Doch wer die Wahl hat… kann gegebenenfalls auch einfach alle Touren machen, der Sommer ist ja noch lang. ;) Doch auch wenn man sich fürs Erste entscheiden muss, sollte für jeden was dabei sein.


Spreewald

Vielleicht empfiehlt es sich mit einer klassischen Tour zu beginnen. Welches Gebiet wäre da besser geeignet als der Spreewald? Das insgesamt über 1000 km lange Wasserlabyrinth glänzt mit seiner sehr guten Infrastruktur für Wasserwanderer. So kann man auch ohne große Vorkenntnisse ausgedehnte Touren unternehmen. 
Die ersten Seiten vor jeder Tour helfen dem Leser sich einen schnellen Überblick zu verschaffen. Dabei werden neben der Bewertung der Aktivitäten, Natur, Kultur, Baden und der Hindernisse auch der Charakter der Tour, die Sehenswürdigkeiten sowie die An- und Rückreise kurz zusammengefasst. Im Kanuführer Spreewald stehen dem Leser vier Tourenvorschläge, von wenigen Stunden bis zu mehrtägigen Touren, zur Verfügung. Die Wasserwanderwege in dem sonst undurchsichtigen Netz an Wasserstraßen sind gut markiert. 
Für all jene, die ihr Packraft im vollen Ausmaß nutzen wollen, dürften die im Buch kurz beschriebenen Wander- und Radwege von besonders großem Interesse sein. Natürlich ersetzen sie keine guten Rad- und Wanderkarten. Aber die prägnanten Beschreibungen bilden eine gute Grundlage zur Planung und wecken die Neugier auf die Umgebung außerhalb des Wassers. So bietet es sich beispielsweise an, auf dem Gurkenradweg im Spreewald einfach mal Bikerafting auszuprobieren. Auch oder gerade für Familien kann so die Tour abwechslungsreich gestaltet werden. 



Der Kanuführer zum Spreewald unter anderen hier erhältlich.


Altmühl

Eine weitere spannende Gegend wird in dem Kanu Kompakt Führer Altmühl beschrieben. Besonders praktisch: Fahrradwege sind hier in der enthaltenen Karte bereits mit eingetragen. Der Altmühlradweg bietet sich dabei genauso für Land-Wasserwechsel mit dem Packraft an, wie der Altmühl-Panoramawanderweg. Eine weitere geologische Besonderheit lockt die Besucher in die Steinbrücke rund um das Altmühltal. Dort gibt es die Möglichkeit auf Schatzsuche zu gehen: Wer bei der Suche nach einem Fossil hier fündig wird, darf es als Souvenir mit nach Hause nehmen. 
Das Buch gliedert die insgesamt 124 Paddelkilometer in zwei Teile mit jeweils 3-4 bzw. 2-3 Tagestouren. Alle Infos rund um die Übernachtungsmöglichkeiten, Sehenswertes und andere Hinweise sind übersichtlich, wie im Übrigen bei allen Büchern dieser Reihe, am Rand an entsprechenden Stelle der Beschreibung vermerkt. Bei den 12 Wehren auf der Strecke an denen das Boot umgetragen  werden muss, wird man dann wohl spätestens die Vorteile seines Packrafts lieben lernen.
Wer sich am Ende seiner Paddeltour belohnen möchte, sollte sich einen Ausflug ins Freizeitparadies Altmühl- und Brombachsee im fränkischen Seenland gönnen. Dort finden sich Erholungsmöglichkeiten für Groß und Klein. Dank des vielseitigen Freizeitangebots und der guten Infrastruktur für Paddler, wird man hier allerdings eher selten allein auf dem Wasser unterwegs sein. 
Erhältlich ist der Kanuführer Altmühl unter anderem hier


Müritz-Elde-Wasserstraße

Anders sieht es im Gebiet um die Müritz-Elde-Wasserstraße aus. Da es sich hierbei um einen Kanal handelt, ist dieser trotz seiner prominenten Lage eher unbeliebt und durch Paddler wenig befahren. Doch zu Unrecht. Der Wasserweg von der Müritz zur Elbe bietet eine erstaunlich naturbelassene Landschaft und gilt daher noch als Geheimtipp. 
Bei der Aufteilung des Buches sollte man sich nicht verwirren lassen. Wer die komplette Tour im Umfang 10-14 Tagen fahren möchte, muss im Teil 2 des Buches zu lesen beginnen und anschließend in den ersten Teil zurückblättern. Doch das hat auch seine Gründe: der erste Teil ist im Allgemeinen einfacher zu befahren und auch familienfreundlich. Der zweite Teil dagegen sollte nur von versierten Bootsfahrern in Angriff genommen werden, die dieser Herausforderung Dank ihrer entsprechenden Erfahrung gewachsen sind. Dies liegt vor allem an den großen offenen Seen, die sehr windanfällig sind. Dazu gehört auch die Müritz als größter deutscher See. 


Weiterhin befindet man sich in diesem Gebiet auf einer Bundeswasserstraße. Das bedeutet Kennzeichnungspflicht für alle Boote – auch für Packrafts. Doch auch hier steht einem der Kanuführer mit Rat zur Seite und erklärt genau, welche Vorschriften es einzuhalten gilt. Auch bei etwaigen Sperrungen einzelner Flussabschnitte, hilft ein kurzer Blick ins Buch schon weiter. So ist beispielsweise die alte Elde ganzjährig zum Paddeln gesperrt, da es sich hier um ein Naturschutzgebiet handelt. Beste Gelegenheit also das Boot im Rucksack zu verstauen und das 318 Hektar große Naturparadies an Land weiter zu erkunden. In jedem der hier vorgestellten Wasserwanderführer können im Übrigen Infos zu Kultur, Natur und sonstigen Aktivitäten schnell und einfach den farbig markierten Infoboxen entnommen werden. So verpasst man keine der am Wege liegenden Sehenswürdigkeiten. 
Hier ist der Kanuführer Müritz-Elde-Wasserstraße unter anderem erhältlich.


Loire (Frankreich)

Rückt dann der große Sommerurlaub näher, kommen vielleicht auch die weiter entfernteren Ziele in Frage. Wie wäre da beispielsweise durch das UNESCO Weltkulturerbe „Val de Loire“ in Frankreich auf einen der letzten wilden Flüsse Europas zu paddeln? 
Wer Abenteuer und Natur sucht wird hier genauso auf seine Kosten kommen, wie Kulturliebhaber. Einzelne Nächte im Zelt wild zu campieren ist hier offiziell erlaubt. Für alle die es etwas komfortabler in der Nacht bevorzugen, bieten aber auch genügend Campingplätze, Hotels und Pensionen ein Bett für die Nacht an. Andererseits sollte man sich auf keinen Fall einen Abstecher zu einen der direkt am Fluss gelegenen, prunkvollen französischen Schlösser entgehen lassen. Die Loire bietet für Weitwasserwanderungen potential für mehrwöchige Touren. 
Neben den lokalen Besonderheiten unseres Nachbarlands, findet man im Kanuführer auch wichtige Sicherheitshinweise und Informationen, wie beispielsweise Notfallnummern oder andere Gefahren an der Loire. Ein großes Manko auf dem französischen Fluss: es gilt generelles Badeverbot. Will man auch hier kombinierte Land-Wassertouren durchführen, so muss man sich selbst Informationen zu etwaigen Rad- und Wandertouren beschaffen – die Infos dazu kommen in diesem Führer leider etwas kurz. Doch dafür hält er neben den wichtigen Angaben zur eigentlichen Paddelstrecke viele kulturelle und lokale Spezialitäten bereit. Wie wäre es beispielsweise nach einer anstrengenden Wasserwanderung mit einer Weinverkostung? Oder man gönnt sich am nächsten Tag eine Segway- oder Ballonfahrt. Langeweile kommt hier also sicherlich nicht auf. Und wer noch mehr Zeit hat, kann seine Tour mit dem ersten Band zur Loire auch noch beliebig ausdehnen. 



Käuflich erhältlich ist der Wasserwanderführer zur Loire unter anderem hier.


Fazit

Mit den Kanu Kompakt Wanderführer für die jeweiligen Gebiete lassen sich sowohl eintägige Trips, als auch mehrwöchige Touren gut planen. Auch speziell fürs Packrafting bieten sie mit den beschriebenen Ausflügen und Tipps gute Anhaltspunkte. Mit ein wenig Kreativität steht so auch einer kombinierten Land-Wasserwanderung nichts mehr im Wege.

25.04.2018

7 AUF EINEN STREICH - REVIERBESCHREIBUNG KROATIEN

7 Tage 7 Flüsse, jenseits der Soča!
von Sven Schellin | Anfibio Packrafting

Der Balkan rockt. Oft ist Slowenien das Eintrittstor und meist bleibt man gleich an der Soča hängen. Doch jenseits des bekannten Paddelflusses in den Julischen Alpen locken weitere Gewässer. 

Gleich hinter der nächsten Grenze gibt weniger bekannte Flußperlen, welche sich nicht nur durch ihr klares, türkisfarbenes Wasser, sondern durch das „Stufenbach“ Phänomen auszeichnen. Dazu später mehr. Jedenfalls sind es auch nur rund 1000km von Deutschland (Ausgangspunkt Dresden, Ziel Brod na Kupi), was gut und gerne in 11h zu erreichen ist. Willkommen in Kroatien!

7 Tage 7 Flüsse, so kann, muss ein Programm aber nicht aussehen. Es gibt genug Möglichkeiten selbst zu kombinieren.

Viel Spaß mit dieser interaktiven Karte bei der Auswahl und allen nötigen Informationen (i):



Was die Karte auch zeigt, sind die verschiedensten „Randsportarten“, welche die Logistik erheblich vereinfacht haben (kein Auto umsetzen). Der Rück- oder Hinweg erfolgte jeweils zu Fuß, per Rad, aber auch mit Bahn und per Anhalter.

Das hat es auch ermöglicht, verschiedene Gewässer oder Abschnitte in einem „Rutsch“ zu kombinieren (bspw. die Zrmanja mit der Krupa oder den Oberlauf der Mreznica) oder auch erst zugänglich zu machen (der Curak ist bspw. nur zu Fuß erreichbar).

Letztlich haben diese Kombinationen ein „Pensum“ von 7 Flüssen bzw. 145 km Packrafting mit 95 km Paddeln und 50 km Wandern oder Radfahren in nur 7 Tagen ergeben:

Kupa

Pure joy! Clear waterpaddling auf der Kupa.
Curak


Curak ist ein kaum befahrbarer Bach, nur die Schneeschmelze im Frühjahr macht es möglich.
Mreznica

Drop and pool, das ist ist Packrafting auf der oberen Mreznica!
Korana

"Stufenbach", ist ein Karstphänomänon, Kroatiens Flüsse sind charakterisiert von natürlich akkumulierten Stufen. Wasserfälle wachsen hier!
Slunjnica

Peace and quiet, das ist Packrafting auf der Slunjnica. "Quelltopf", ist ein weiteres Karstphänomän, die Quelle der kleinen Slunjnica ist ein 28m tiefer Pool, der 15km aus dem Untergrund kommt!
Zrmanja

Go with the flow. 
Krupa

Flatwater joy, Karststufen bilden natürliche Barrieren für wunderschöne Zahmwasserstrecken.
Gear List

19.04.2018

AUS DEM SATTEL ANS PADDEL – MIT VEREINTEN KRÄFTEN FÜR DIE VJOSA (ALBANIEN) – TEIL 2

Teil 1 der Vjosa/Albanien Geschichte gibt es hier.

von Jana und Jens Steingässer




Fluss unter Druck
Nach zwei Wochen im Sattel bei Temperaturen um die 45°C können wir es kaum erwarten, der Vjosa endlich von der Quelle in Nordgriechenland bis zur Mündung in die Adria zu folgen. Wenn das überhaupt möglich ist. „Ich kann mich nicht erinnern, die Vjosa jemals mit so niedrigem Wasserstand gesehen zu haben!“, ernüchtert uns Kristina. Sie kennt die Vjosa seit ihrer Kindheit. Als investigative Journalistin verfolgt sie seit Jahren kritisch die Pläne zum Bau von Wasserkraftwerken an der Vjosa, deckt Korruption, intransparente Vergabeverfahren von Baugenehmigungen und den illegalen Abtransport von Flusssedimenten für die Bauindustrie auf. Noch darf die Vjosa frei fließen – und gilt deshalb unter Wissenschaftlern, Umweltschützern und kritischen Journalisten trotz der massiven Verschmutzung durch Müll weltweit als seltenes und extrem artenreiches Juwel.




Wem gehört das Baby?
„Ist das Dein Ernst?“. Ich starre das kleine Rinnsal an, dass sich hinter der Staumauer im griechischen Pindosgebirge leise plätschernd seinen Weg sucht. Das soll die Quelle des Flusses sein, wegen dem wir 3000 Kilometer Anreise auf uns genommen haben? Eine Fluss-Geburt habe ich mir spektakulärer vorgestellt! Paula, Mio, Hannah und Frieda graben in Rekordgeschwindigkeit ihre Sandalen aus und folgen dem Rinnsal durch den Wald. Weit kommen sie nicht, denn es gibt zu viel zu bestaunen: Frösche in allen Größen, Fische, Insekten, Schmetterlinge, Tierspuren in der matschigen Randzone, vom Wasser umspülte Kletterfelsen... .
Warum die Vjosa, die hier Aoos heißt, direkt nach ihrer Geburt so lahm dahinplätschert wird uns klar, als wir die Dimension der Staumauer und des Stausees überblicken: Das abgefangene Wasser wird vom Damm aus in einen anderen griechischen Fluss umgeleitet. Konflikte um Wasserverteilung und Nutzung entstehen an der Aoos tatsächlich schon in dem Moment, in dem sie das Licht der Welt erblickt!




Früh übt sich...
Hier die Packrafts zu Wasser lassen macht im Sommer wenig Sinn, deshalb hangeln wir uns durch das Epirusgebirge weiter, stoßen an jeder möglichen Stelle wieder auf den Fluss. Wo möglich pumpen wir die Rafts auf und üben mit den Kindern Paddeln im Wildwasser. Mio, Hannah und Frieda stellen erstaunt fest, das ihre Boote sogar noch dann stabil sind, wenn sie kurzzeitig in den Schnellen volllaufen wie Badewannen. Erst ab der Stelle, an der sich der majestätische Voidomatis mit der Aoos vereint, lohnt es sich die Rafts einzusetzen, ohne auf Grund zu laufen. Dort, wo sich die Vjosa durch enge Schluchten windet, zieht Jens alleine mit Faltrad im Schlepptau los, ab dem albanischen Mittellauf nehmen wir auch die Kinder mit ins Boot.




Wasserleben und Lebenswasser
Durch das Tal von Kuta mäandert der Fluss als lebensspendendes Band. Alte Männer mit sonnengegerbten Gesichtern führen ihre Herden an die Ufer. Pferde ziehen vorbei, turmhoch beladen mit der frischen Ernte, die Familien gerade von ihren Äckern geholt haben. Unsere Kinder verfolgen am Ufer Schildkröten, die es nach Abklingen der schlimmsten Tageshitze aus ihren Verstecken lockt, bestaunen Schmetterlinge und bizarr aussehende Insekten, winzige Kröten, Frösche und Schlangen. „Das alles steht auf dem Spiel. Mein Haus wird es nicht mehr geben. Unser ganzes Tal wird unter Wasser stehen. Wir verlieren unsere Lebensgrundlage!“ Soni, ein junger albanischer Familienvater aus dem kleinen Dorf Kuta, hat sich dem Protest gegen die geplanten Wasserkraftanlagen angeschlossen. Entgegen der Wahlversprechen hat die albanische Regierung 8 Konzessionen zum Bau von Kraftwerken an der Vjosa vergeben, 23 an ihren Zuflüssen. Damit wäre das Ende dieses Flusssystems besiegelt (riverwatch.eu). 




Was wirklich auf dem Spiel steht, erahnen wir, als wir zu einer langen Tagesetappe mit den Rafts aufbrechen. Die Uferböschung wimmelt von Leben – ein solcher Vogelreichtum hat für uns leider mittlerweile absoluten Seltenheitswert. In die Uferabbruchkanten haben unzählige Vögel ihre Nisthöhlen gebaut. Jugendlich aus den umliegenden Dörfern werfen sich grölend in die Strömung, als wir an ihnen vorbeipaddeln. Paula, Mio, Hannah und Frieda springen immer wieder übermütig aus den Rafts und lassen sich von der Strömung mitziehen.




Es kommt ein Wind!
Wie aus einem überdimensionalen Föhn bläst uns heiße Luft mit 3-4 Windstärken entgegen. Als wir  Pocem erreichen, kommen wir trotz aller Paddelanstrengung kaum noch voran. Der Fluss hält uns ironischerweise genau an der Stelle fest, an der eines der ganz großen Staudammprojekte geplant ist. Und das ist mehr als ein Symbol, denn NGOs, Wissenschaftler und lokale Bevölkerung haben ihr Veto eingelegt und den Bau vor dem obersten Gerichtshof Albaniens vorerst stoppen lassen. Vielleicht hat es noch nicht jeder gehört, aber die Vjosa-Botschaft ist klar: Zieht Euch warm an, jetzt gibt es echten Gegenwind!




Call for Action

Was könnt ihr zum Erhalt der albanischen Wildflüsse tun? Ein Anfang wäre diese Petition unterschreiben (nachfolgendes Bild anklicken) oder spende sogar einen kleinen Beitrag (unten).