27.07.2021

GRÜNDE, GRUNDLAGEN, GRUNDSCHLÄGE - VORWÄRTS IM PACKRAFT

Jede Fachrichtung hat ihre Grundlagen. Das kennt man aus den Einführungsveranstaltungen der Erstsemester. Grundlagen der Informatik zum Beispiel. Oder, auch recht beliebt, Grundlagen des Rechnungswesens. Verspricht alles immer richtig viel Spaß [Ironie off]. 

Vermutlich kommt es daher, dass er Grundschlag vorwärts nicht den besten Ruf hat. Lästige Pflicht, statt performante Kür. Arbeit, Anstrengung, wenig Geschick. 

Klar gehört der Grundschlag vorwärts zu den Basics, aber er ist alles andere als rückwärtsgewandt. Ein effektiver Grundschlag dient der Beschleunigung und der (möglichst) geradlinigen Fortbewegung, was der Grundstein für viele weitere Manöver ist – von der Seilfähre bis zum Stufenspringen.

1. Grundschlag vorwärts, leichte Vorlage, Paddel am gestreckten Arm möglichst weit vorne einsetzen, Oberkörper mitdrehen

Ausführung eines sauberen Grundschlags vorwärts:

  • Der Oberkörper ist aufrecht und  sogar etwas nach vorne geneigt.
  • Der Aktionsarm (das ist der Arm, der beim Grundschlag die eigentliche Aktion durchführt) taucht das Paddelblatt mit gestrecktem Arm möglichst weit vorne und nah am Boot ein.
  • Die aktionsseitige Schulter geht dabei mit nach vorne, der Oberkörper dreht — also etwas von der Aktionsseite weg.
  • Der Gegenarm (das ist dann logischerweise der andere Arm) ist gebeugt, die Gegenhand befindet sich auf Schulterhöhe.
  • Das Paddelblatt wird möglichst nah am Boot bis maximal Hüfthöhe nach hinten durchgezogen. Der Aktionsarm wird dazu gebeugt, der Gegenarm nach vorne durchgestreckt. Die Gegenhand bleibt auf Schulterhöhe. Der Oberkörper unterstützt die Bewegung indem er sich zur Aktionsseite hin dreht.
  • Die Schaftführung ist während des gesamten Schlagverlaufs recht steil und bootsnah.
  • Nach Beendigung des Schlages ist man gleich wieder in der richtigen Ausgangsposition für den nächsten Schlag: Der Aktionsarm (ehemals Gegenarm) ist nach vorne gestreckt, der Oberkörper eingedreht, der Gegenarm (ehemals Aktionsarm) gebeugt am Körper.

Tipps und häufige Fehler:  
  • Man paddelt in Oberkörperrücklage. Die gesamte Zugphase wird damit weiter nach hinten verlegt, als Anfänger tut man sich schwerer die Richtung zu kontrollieren. Zunächst ganz bewusst weit nach vorne legen, die Oberkörpervorlage sogar etwas Übertreiben.
  • Das Paddel wird zu weit nach hinten, bis hinter die Hüfte gezogen. Bei Ausheben des Paddelblattes wird dabei Wasser nach oben anstatt nach hinten geschaufelt. Außerdem verpufft ein Großteil der aufgebrachten Kraft durch ungünstige Hebelverhältnisse nutzlos. Das Paddelblatt also spätestens auf Hüfthöhe ausheben. Die Zugphase sollte soweit nach vorne wie möglich gelegt werden. Paddelblatt also maximal weit vorne einsetzten (gestreckter Aktionsarm) und besser noch etwas früher ausheben. 
  • Die Schaftführung ist nicht steil sondern flach. Das Paddel wird dann nicht geradlinig und nah am Boot geführt, sondern im leichten Bogen vom Boot weg. Das Kajak führt dann kleine Schlingerbewegungen aus, die Effektivität des Schlages leidet enorm.
  • Die Schultern arbeiten nicht mit. Das Vorwärtskommen gestaltet sich unnötig kräftezehrend, da große Muskelgruppen nicht eingesetzt werden. Mit dem Aktionsarm also immer die Schulter mit nach vorne bringen, indem man versucht das Paddel möglichst weit vorne einzutauchen. 

2. Paddel steil und nah am Boot führen, die Gegenhand auf Schulterhöhe lassen, Paddel spätestens auf Hüfthöhe ausheben. 

Und das soll einen vorwärts bringen? Keine Sorge, es gibt nur ganz wenige Naturtalente, die es fast auf Anhieb schaffen, ihr Packraft auf gerader Linie voranzutreiben. Zumal dem Anfänger alleine die Verschränkung der Paddelblätter Konzentration abverlangt. Für den Links- bzw. Rechtsdrall kann es mehrere Ursachen geben:
  • Das Paddel wird nicht symmetrisch gehalten.
  • Der Krafteinsatz ist rechts und links ungleich.
  • Das Paddel wird auf einer Seite weiter nach hinten gezogen als auf der anderen.
  • Die Schlagabfolge ist nicht rhythmisch.

Skeg against Drall

Um sich auf den eigentlichen Paddelschlag konzentrieren zu können, kann man den Störfaktor „Drall“ anfangs einfach ausschalten, dazu montiert man sich eine Finne ans Heck (gibt es für Packrafts als Zubehör) 

Klappt der Grundschlag, sind die groben Fehler beseitigt, und kommt man zügig voran, kann dieser wieder entfernt werden, und man übt jetzt weiter „unten ohne“.

Aber erst wenn man auf einem windstillen See klarkommt, geht man auf fließendes Wasser. Die Strömung sollte nur so stark sein, dass man noch gut dagegen ankommt, denn den besten Übungseffekt erzielt man dann, wenn gegen die Strömung gepaddelt wird. Die kleinsten Kursabweichungen werden gnadenlos geahndet, das Boot wird von der entgegenkommenden Strömung zur Seite gedrückt, Kurskorrekturen werden schwieriger. Man muss also noch präziser paddeln, beim kleinsten Anzeichen einer Kursabweichung sofort reagieren.

Diese Korrekturen erfolgen am Anfang natürlich ganz bewusst, später aber völlig automatisch, ohne dass man überlegen muss. 

Inhaltliche „Grundlage“ des Artikel waren übrigens Teile eines Betrag von Jan Kellner aus dem Kanumagazin von 1997!

04.05.2021

OPEN WATER III #cultureofsafety

Following Luc Mehl's promotion of #cultureofsafety for introducing #thepackrafthandbook we are about to share the products and resources we provide for #packraftsafety over the course of May, with a simple goal: no fatalities in 2021. We are happy to contribute. Humans are not made for water after all.

There is a lot of safety talk in the packrafting community, for a good and right reason, but it is mostly connected to whitewater, which is pretty obvious to emphasize.

However, flat water safety needs to be addressed too, especially for venturing into open water, more or less distant from shore, sometimes connected to wind. Flat water is usually referred to non-grade of whitewater like lakes, calm flowing rivers, bays, fjords, regardless of size. 

We like to highlight flat water issues out of four reasons

  1. A substancial part of the known fatalities, including one known to us, are flatwater related.
  2. While the probability is less, consequences are often higher, less foregiving (compared to whitewater).
  3. In contrast, flatwater applications are far more relevant to the majority of users by sheer number, increasing the actual probability.  
  4. Our line of products have a unique selling proposition for being light and fast packrafts, lately even for sailing, so flatwater is as enjoyable as inviting, which makes it attractive for many and even encouraging for open water or bigger crossings. With this distinguishing we have a special responsibility.
So what is the issue? 

For what ever condition (wind, move, current, material) a separation from equipment occurs, with the following reasons, it can become fatal:
  1. Temperature of water 
  2. Time (not necessarily distance) to shore 
  3. Being little prepared (mentally and physically)
In assessing the risk of cold water we stick to the 1-10-1 rule (of thumb). It refers to you having one minute to control your breathing, less than 10 minutes for self-rescue, and 1 hour before you become unconscious due to hypothermia.

So even on mellow trips, try to think how far you can move in 10 minutes, realistically. A calm mountain lake, a fresh spring river trip or an enclosed bay may look different. 

Good news is on each of the three reasons above, there are three means to counterbalance:
  1. Practice reentry - getting in the boat again is quickest way out of cold water
  2. Avoid to go alone - a second (or third) boat is the best backup to have
  3. Have a paddle (multi) leash - in contrast to whitewater, connection is key
  4. Carry a light throw rope - they are more useful than for whiteweater rescue
  5. Wear a flotation vest, consider a drysuit especially if on your own despite 2.
  6. Study wind forecast and currents
  7. Take a (water proof) mobile or SPOT for no coverage areas
  8. Use a light, whistle, bright clothing
  9. Study and practise CPR
Most of the points are no brainer. Our aim is to take them on any (cold) water, for anyone, always - weight, cost and time being no excuse.

15.04.2021

BIKE.RAFT.SAIL SIBIRIEN - EIN BASTELTIPP WIE BEI THOR HEYERDAHL

Jakutien im Osten Russlands ist seit den spannenden Berichten von Clemens Ratschan und Richard Löwenherz kein unbeschriebenes Blatt mehr für Packrafting Fans. Die beiden dienen auch Kilian und Roman als Inspiration für einen Trip in das entlegene Eck. Allerdings mit einem etwas eigenen Touch – mit Fahrrad, Boot und Segelambitionen.

Der eigentlichen Bericht zur Reise wurde bereits mehrfach veröffentlicht, unter anderem hier. Für diesen Beitrag steigen wir an der Stelle ein, welche die Tour vollends zu einem verrückten Unterfangen macht, die Besegelung eines Bikeraft-Katamarans! Die Konstruktion ist so ungewöhnlich, dass ein genauer Blick lohnt. Tarp Segel, ToutTerrain Bikes und MRS Adventure X2 Packrafts und Sibirische Birke sind nur einige Details dieser Kombination. 


Nach tagelanger Recherche im Internet stoßen wir auf alte Militärkarten aus Zeiten der UdSSR. Roman erwähnt damals beiläufig das Thema „bikerafting“, eine für uns Europäer recht junge Kombination aus Fahrrad und Schlauchboot. Diese Verbindung schafft auf einmal ganz neue Möglichkeiten, da Routen neu kombiniert werden können. Eine gelungene Idee. Nach einigen Umwegen (und mit Reiseberichten von Clemens und Richard) stoßen wir auf die ostrussische Teilrepublik Jakutien.


Mehr schiebend als fahrend verlassen wir am neunten Tag die „Road of Bones“ und bewegen uns mit etwa 40 Kilometer am Tag nur langsam dem nächsten Etappenziel entgegen: Wir wollen in den Fluss Dyby einsteigen und diesen aus dem Gebirge heraus bis zum Aldan befahren. Dafür haben wir unsere Packrafts dabei. Rote Gummiboote, die, wie wir später erfahren werden, ziemlich viel einstecken können. Unsere gesamte Ausrüstung samt Fahrrad wiegt 70 Kilo. So wirklich Zeit, die Boote voll beladen und unter lokalen Bedingungen zu testen, haben wir nicht.

Imposante Gewitterwolken entladen sich nachmittags über dem Gebirge

Als ich am zweiten Paddeltag einen unfreiwilligen Tauchgang hinlegen muss und mit samt des Bootes unter zwei Baumstämme gezogen werde steht für uns eines fest: gestorben wird hier nicht. Mit größter Vorsicht und aller Zeit inspizieren wir schwierige Stellen und umfahren diese zur Not.

Der Fluss birgt spannende Abschnitte und ruhigere, bei denen wir die Landschaft genießen können.

Nach einigen Tagen wird der Fluss merklich breiter und ruhiger. Mit breitem Grinsen paddeln wir durch beeindruckende Landschaften und unberührte Natur. Im Umkreis von 200km sind wir die einzigen Menschen. Aber hier wimmelt es von Bären und Elchen, so scheu, dass wir sie nur flüchtig sehen, bevor sie wieder im Dickicht verschwinden. Ein Landstrich, der mit Expeditionspotential nur so strotzt. Vor allem für derartige Bikerafting Projekte. Und wir kratzen nur an der Spitze dieses Eisberges.


Mit dem Wind unterwegs

Nach drei Wochen Einsamkeit erreichen wir den Aldan. Ein Fluss, der, wenn wir ihn weiter verfolgen würden, über die Lena ins Nordpolarmeer fließt. Da paddeln hier äußerst langwierig wird, bauen wir kurzerhand ein Floß aus Treibholz und unseren Booten. Mit ein paar Kniffen, Schnüren und einem Tarp als Segel erschaffen wir kurzerhand ein vollwertiges Segelraft.


Das Gestell, das wir rein aus Treibholz bauen, ist prinzipiell ein Katamaran. Beide Packrafts liegen parallel nebeneinander und mit einer Balkenkonstruktion lässt sich ein Mast zwischen die Boote stecken und verspannen. Mit Schnüren und Keilen verpressen wir den Mast so, dass sich das Boot mit einem Paddel und den Segelleinen in der Theorie steuern lässt.

Die Grundkonstruktion besteht aus einem Balkengitter.

Mit Schnüren und Keilen verspannen wir die Stämme. Die Konstruktion kommt komplett ohne Schrauben aus.

Das Boot wartet auf seinen Einsatz. Ein Tarp bildet das Segel.

Voll beladen erreichen wir Spitzengeschwindigkeiten von 15km/h.

Als Segel nutzen wir ein Tarp und ein zufällig gefundener Spalt eines Baumstammes kommt als Schwert zum Einsatz. Thor Heyerdahl wäre stolz auf uns gewesen. Die einzige Problematik: der Wind. Das kontinentale Klima in Sibirien scheint nicht für verlässliche Winde bekannt zu sein. Die Böen kommen aus verschiedensten Richtungen und sind tagesformabhängig. So sind die Vormittage eher ruhig, nachmittags bahnen sich eher Gewitter an die zum teil starke Winde mit sich bringen.


Die Schwierigkeit ist also sich den Wind so zu Nutzen zu machen, dass möglichst mühelos sämtliche Hindernisse umkurvt werden können. Gar nicht so einfach, denn die Bögen des Aldan sind stellenweise bis zu zwei Kilometer breit und teilweise sehr seicht.

Die endlosen Weiten der jakutischen Ebene sind beeindruckend.

Hochkonzentriert steuern wir zu zweit den Kahn. Roman am provisorischen Steuerruder, ich an den Segeln.

Stolze 15 km/h stehen zeitweise auf dem „Tacho“ meiner GPS-Uhr. Vorbei an Fischerdörfern und vereinzelten Lastkähnen „schießen“ wir der Zivilisation entgegen. So zumindest unser Empfinden. Am Ufer stehende Angler, reiben sich die Augen.

Segeln kann irgendwann furchtbar langweilig werden. Zumindest wenn es nur Wasser oder Bäume am Horizont gibt.

Als wir am Ende das Boot wieder demontieren bleiben nur Balken übrig. Der Rest wird wieder mit genommen.

Wer nicht so bastelwütig ist, wem Gewicht und Packmaß wichtig sind, der kann auch mit uns Segel setzen. Mit dem Anfibio AirSail oder dem Anfibio PackSail haben wir Segel, welche an alle Packrafts (und andere Boote) passen und auf ein minimales Gewicht reduziert sind.

Let's go packsailing!