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SEILFÄHRE – STÖRMUNG QUEREN, OHNE ABZUTREIBEN

Der folgende Artikel widmet sich einem neuen Fahrtechnik-Tutorial speziell für Packrafts. Dabei ist die Seilfähre eine uralte Technik und für alle Paddelboote relevant.

Worum geht es? Es geht darum, auf Fließgewässern von einer Seite zur anderen zu kommen, ohne an Höhe zu verlieren, d.h. stromab zu treiben.

Die Physik dabei wird seit jeher in der Schifffahrt genutzt, selbst Tiere nutzen instinktiv die Strömungsverhältnisse beim Queren von fließenden Gewässern. In Form einer sog. Gierseilsfähre ist sie fester Bestandteil der Infrastruktur vieler Flüsse. Die Fähre hängt an einem Seil (daher der Name Seilfähre) und schiebt sich durch Strömung und Steuer ohne weiteren Antrieb von einer Seite zur anderen des Flusses. Am besten erklärt das Prinzip die Maus (ab Minute 4:30).

Traditionelle Gierseilfähre in Rathen/Sächsische Schweiz

Im Packraft oder Kanu haben wir natürlich kein festes Seil, aber unsere Paddelkraft, welche dies ausgleicht. Statt Zug erzeugt das Vortrieb. Um den Fluss zu queren, paddelt man das Boot schräg zur Strömung und lässt sich so vom Wasserdruck auf die andere Seite schieben.

Die drei Parameter der Seilfähre Strömungsgeschwindigkeit v, Einstellwinkel α und Paddelkraft d ergeben die Bewegung zum Ziel.

Paddler können per Seilfähre nicht nur queren, sondern auch Hindernissen ausweichen, ohne Kehrwasser eine Stellung halten (die Abfahrt pausieren), schnell einen guten Überblick gewinnen (Bug stromauf, Blick stromab) oder die optimale Ausgangsposition für die nächste Durchfahrt erreichen. Auch zum Spaß ist die Seilfähre gut. Man braucht sie, um auf eine Surf-Welle zu springen oder um die Spielwalze auf der anderen Flussseite zu erwischen. Kurz, man kommt von Punkt A nach Punkt B, ohne abzutreiben.

Oft wird die Technik der Seilfähre in Zusammenhang mit Wildwasser motiviert und erläutert. Das ist auch richtig, denn nicht immer geht im Wildwasser alles glatt. Um die Ecke kommt ein Baumhindernis, das anvisierte Kehrwasser ist versperrt (auf der anderen Flussseite aber noch frei).

Aber selbst PACKrafter die „nur“ fließende Gewässer überqueren (z.B. auf einer Trekkingtour), müssen die Technik drauf haben. Insofern ist die Seilfähre für alle da, vom Wildwassercrack, über den Tourenpaddler bis zum Backpacker. 

Bestandteile

Wir betrachten hier nur die Seilfähre vorwärts. Diese heißt so, weil man dabei vorwärts paddelt (allerdings stromaufwärts, siehe Skizze). Die Fähre vorwärts ist einfacher als die Rückwärtsvariante, da man den Ablauf überblickt und sehr schnell Korrekturen vornehmen kann.

Die wichtigsten Komponenten für die Seilfähre sind die Stellung des Bootes zur Strömung (Winkel α), die Geschwindigkeit der Strömung (v) und Paddelkraft (d), siehe Skizzen.

Stellung des Bootes 

Entscheidend für eine erfolgreiche Seilfähre ist der Winkel α, mit dem man in die Strömung v einfährt. Es ist besser, mit sehr spitzem Winkel in die Strömung zu fahren. Eine nachträgliche Korrektur bei zu schräger Anfahrt ist, wenn überhaupt, nur mit viel Kraftaufwand möglich — andernfalls treibt man sofort stromab. Weitaus einfacher und kraftsparender ist die Richtungskorrektur, wenn das Boot fast parallel zur Strömung steht. Je langsamer die Strömung (v), desto stumpfer kann der Einfahrtswinkel sein und umso leichter fallen nötige Korrekturen.

Korrekturen

Während der Querung erfolgen kleinere Richtungskorrekturen durch kräftigere Grundschläge vorwärts, größere durch Bogenschläge. Rückwärtsschläge muss man unbedingt vermeiden, sie bremsen ab – Höhenvertust wäre die Folge.

Idealerweise fixiert man mit den Augen einen gegenüberliegenden Punkt an dem man sich orientiert bzw. den Höheverlust kontrolliert. 

Bootsgeschwindigkeit

Wie schnell man paddeln muss, hängt in erster Linie von der Strömungsgeschwindigkeit (v) ab. Mit der Paddelpower (d) musst man sie kompensieren können. Bei sehr schnellen Strömungsverhältnissen haben Packrafts hier ihre Grenzen aufgrund der Rumpfgeschwindigkeit des Bootstyps. Eine Seilfähre ist hier unter Umständen nur mit Höhenverlust durchzuführen. Es sei denn eine Welle oder Walze hilft die Strecke abzusurfen. Diese Art zu traversieren gehört aber schon zum Wildwasserspielen.

Das Boot bewegt sich seitlich vom rechten ins linke Kehrwasser.

Kanten

Liegen Start und Ziel in einem Kehrwasser (Skizze oben), was typisch im Wildwasser ist, muss man darauf achten, das Packraft rechtzeitig stromab zu kanten (anzukippen), um einer Kenterung infolge Oberwasser aus dem Weg zu gehen. Je schneller die Strömung, desto stärker muss man kanten. 

Sogar stromauf, selbst mit Packraft

Sei es zum wiederholten Spielen in eine Wildwasserabschnitt (ohne das Boot an Land hoch zu tragen) oder aus der Not heraus, weil man die Anfahrt an einen Katarakt vermasselt hat. Mit der richtigen Technik der Seilfähre kann man sich auch nach oben arbeiten.

Auf dem Weg sind Kehrwasser die optimalen Aufstiegshilfen. Wenn man Glück hat, sind sie so angeordnet, dass man sich von einem zum anderen hangelt, fast wie in einem Aufzug. 

Aber auch in langsam fließenden Bereichen in der Strömung wie in direkter Ufernähe, vor einem Felsen in der Strömung (Stauzone) oder vor und hinter einem weit unter Wasser liegenden Fels (zu erkennen an der gekräuselten oder leicht welligen Wasseroberfläche in der sonst glatten Hauptströmung) sind dabei nützlich. 

Die Ideallinie geht man am besten bis zum Endpunkt in Gedanken durch. Wenn man nur von einem Kehrwasser zum anderen denkt, kann es leicht passieren, dass es eine Sackgasse wird.

Was die körperlichen Voraussetzungen angeht, ist Kraft eher hinderlich. Die Höchstgeschwindigkeit von Packrafts ist ohnehin nicht sehr hoch. Die erreicht und hält man mit Oberkörpervorlage, kurzen Paddelschlägen bei hoher Frequenz und Ausdauer.

Mit der richtigen Technik gewinnt man sogar an Höhe.

Von Kehrwasser zu Kehrwasser

Eine Reihe versetzt angeordneter Kehrwasser ist für den Aufstieg optimal. Mittels Seilfähre schießt man von einem Kehrwasser ins nächsthöhere. Man startet ganz unten im Kehrwasser und nutze die Kehrwasserströmung für eine optimale Beschleunigung. Wenn alles passt, erreicht man den Auslauf des nächsten Kehrwassers und hat damit ein paar Meter gutgemacht. Natürlich müssen es nicht nur Kehrwasser sein, die man auf diese Weise erreicht, es können auch andere langsam fließende Bereiche sein.

Credits

Der Beitrag ist in Bestandteilen angelehnt an einen Artikel vom Jan Kellner im Kanumagazin 5/97. Herzlichen Dank für die Nutzung des Quellenmaterials.

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