01.11.2019

REVIERBESCHREIBUNG ERZGEBRIGE

Wir machen uns bevorzugt selbst ein Bild von den Dingen und sind immer auf der Suche nach Neuentdeckungen. Selbst vor unserer Haustür werden wir dabei noch fündig. Idealerweise haben wir das Boot immer dabei – was dank des Packraft-Ansatzes ja nicht schwer ist. Für unser Heimatrevier in Sachen Wildwasser, dem Erzgebirge, muss man jedenfalls spontan sein. Mehr dazu weiter unten.

Der Artikel zu Revier und Kultur der Paddler im Erzgebirge basiert auf einer Veröffentlichung im KANUmagazin vor ein paar Jahren, hat aber immer noch uneingeschränkte Gültigkeit. Die interaktive Karte und frische Bilder dazu stellen den aktuellen "Forschungsstand" unserer Art von Gewässerkunde dar.




Jahreszeiten sind überbewertet

Wildwasserpaddeln im Erzgebirge ist wie Weihnachten und Ostern an einem Tag. Kommt selten vor, ist aber ein Anlass zu überschwänglicher Freude. Sommerhochwasser gibt es nur alle 100 Jahre – okay, neuerdings alle elf Jahre – aber Paddeln, wenn andere um ihre Existenz kämpfen, ist auch nicht so toll. Deshalb ist Wildwassersport im Erzgebirge ganz klar Wintersport. Und das hat durchaus seinen Reiz. Paddeln im Winter entspricht eben nicht ganz den Konventionen: Temperaturen um die Null Grad bringen nur die wenigsten mit Wassersport zusammen. Und regelmäßig scheitert man daran, es Außenstehenden doch begreiflich zu machen. Aber was soll man tun, Wildwasser paddelt man, wenn der Wasserstand stimmt, nicht, wenn das Wetter passt. Und ist man erst einmal vom Virus befallen, spielt es ohnehin keine Rolle mehr, ob es regnet oder schneit – die Laune steigt mit den Pegeln. Voraussetzung dafür ist allerdings die richtige Ausrüstung, denn niemand friert gerne freiwillig. So ist Winterpaddeln im traditionsreichen Erzgebirge etwas ganz Besonderes. Aus den Metropolen Dresden, Leipzig und Chemnitz ist man schnell am Bach – perfekt für kleine Fluchten aus dem wintertrüben Alltag. 

Viel mehr als eine Handvoll guter Paddeltage springt pro Saison meist nicht raus, doch die lohnen sich umso mehr. Regen gehört dazu, sonst läuft nichts, am besten in Verbindung einer abtauenden Schneedecke. Sagte ich bereits, dass Außenstehende schwer zu überzeugen sind?



Alles im grünen Bereich

Typischerweise mäandern die Bäche erst im Hochmoor der Kammlagen, um sich dann einen Durchbruch zu suchen (beliebtester Vertreter: die Schwarze Pockau, WW III–IV).  Bei großer Frostempfindlichkeit empfiehlt sich eins der wasserreichen, aber schneearmen Einzugsgebiete im Erzgebirgsvorland. Die Klassiker Chemnitz (»Soca für Arme«, WW III), Bobritzsch (ein wenig sächsische Wildnis, WW II) und Zwickauer Mulde (mit dem berühmten »Kachelofen«, WW II/IV) laufen als erstes, am meisten und als letztes. Oder man setzt auf etwas Sensibleres in den Höhenlagen (Pöhlbach, Sehma, Natzschung, WW II–III). Wer es dosierter mag, vertraut dem Staumeister an der Roten oder Wilden Weißeritz (WWII+). Eines am Rande: Hardcore-Wildwasser gibt es im Erzgebirge nicht. Der vierte Grad bleibt die Ausnahme, 90 Prozent des Wildwassers ist I–III und damit ideal für Normalsterbliche. Doch Vorsicht: Auch Bäume und Wehre können gefährlich werden und beides gehört im Erzgebirge leider dazu. Besonders die Minikraftwerke der Nachwendezeit haben den Flüssen ganz schön zugesetzt.



Doch zurück ins Wildwasser. Denn da gibt es ja auch noch den böhmischen Teil des Erzgebirges. Die Südabdachung des Gebirges in Tschechien ist viel steiler als die sanft geneigte Hochfläche in Deutschland. Daher finden sich hier neben Flüssen wie Svatava und Rolava  (WW II) auch schwerere Creeks für Sturzbachpaddler (Cerna, bis V).



Organisation ist alles (Spontanität aber auch)

Ein schöner Paddeltag startet in der Regel im hektischen Wechsel zwischen sächsischer PegelseiteDundaks Paddelforum und eigener Telefonkonferenz. Neuerdings mischt sich auch eine spezielle Facebookgruppe unters Volk (siehe Infokasten). Wie auch immer, die Entscheidung und Planung fällt schwer: Wenn was läuft, dann meist alles auf einmal. Roland »Dundak« Einert, Betreiber des oben genannten Forums mit Flussdatenbank im Kopf und Pegelprognose im Urin ist da entspannter. Meist hat er vorausschauend schon einen Shuttle-Plan in petto und die Reihenfolge der zu befahrenden Bäche sowieso. Das sächsische Paddelvolk (ein paar überschaubare Kleingruppen) nimmt diese Organisation dankend an, statt sich selbst ins eigene Chaos zu stürzen oder vor lauter Unentschlossenheit am Rechner hängen zu bleiben bis das Wasser wieder abgelaufen ist. An Dundak führt(e) bisher kein Weg am Paddeln in Sachsen (und anderswo) vorbei. Und dann gibt es ja noch die oben erwähnte Facebookgruppe. Man munkelt von Slalomfahrern, Raftguides und anderen Haudegen. Zu klein sind jedoch die verschiedenen Fraktionen in der Szene, als dass es da nicht auch zu Koalitionen kommt. Und vor Ort am Bach spielt das sowieso keine Rolle. Hier liegt die Konzentration darauf, möglichst viele Gewässer unterzubekommen, ohne einfach nur abzuhaken.



Ein Paddeltag endet standesgemäß beim Glühwein über dem Campingkocher. Man steht in lockerer Runde zusammen, schmiedet Pläne für den nächsten Tag und der Trockenanzug friert mit dem Nachfrost am Auto fest. Paddeln im Erzgebirge ist eben rau und ruppig – aber auch immer gesellig.

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INFOBOX


Das Erzgebirge hat ein großes Einzugsgebiet – und zwar nicht nur in Sachen Niederschlag. Die Metropolen Dresden, Chemnitz und Leipzig sind nicht weit und als Alternativprogramm zum ewigen Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt bieten sich die Erzgebirgsbäche geradezu an.

Anreise, Unterkunft & Co.  
Den Weg ins Erzgebirge findet jeder, die Landstraßen zwischen den Bächen nicht unbedingt. Am besten schließt man sich ortskundigen Paddler an. Da Dresden, Chemnitz und auch Leipzig nicht wirklich weit weg sind, schläft der typische Erzgebirgspaddler meist daheim. Schade eigentlich, denn auf deutscher Seite finden sich viele traditionell-verspielte Unterkünfte, in Tschechien geht es urig-rustikal zu. 

Nützliche Informationen 

Termine und Veranstaltungen
  • Erzgebirgsring im März: Traditionelle Wildwasserveranstaltung des Sächsischen Kanu-Verbands (SKV). Infos: mountain-river.de.
  • Der SKV bietet regelmäßig organisierte Fahrten an: kanu-sachsen.de.

Touristikinfo 
Tourismusverband Erzgebirge e.V., 
Adam-Ries-Str. 16, 
09456 Annaberg-Buchholz,
Tel. 03733/1880088
info@erzgebirge-tourismus.de




Flussinfos
  • Chemnitz, 8 km WW II–III. Zwischen Wehr bei Schweizerthal und Stein, ab 15 Kubik, schöne Blockstellen und Verengungen.
  • Bobritzsch, WW I–II, ab 9 Kubik, Naundorf bis Mündung in die Freiberger Mulde, schönes, einsames Waldtal.
  • Müglitz, WW II (IV),  ab 10 Kubik, Lauenstein bis Elbemündung, landschaftlich sehr schön.
  • Wilde Weißeritz, 11 km WW II(+), ab 8 Kubik, zwischen Talsperre Klingenberg bis Edle Krone. Nette Waldschlucht.
  • Rote Weißeritz, WW II, ab 10 Kubik, Talsperre Malter bis Rabenau. Tiefer Grund mit praktischem Bahnshuttle.
  • Schwarze Pockau, 15 km WW III–IV, ab 9 Kubik, Kühnhaide bis Pobershau. Sachsens schönster Bach.
  • Natzschung, 11 km WW II–III, ab 7 Kubik, Rübenau bis zur Mündung in die Flöha, rasanter Grenzbach zu unseren tschechischen Nachbarn.
  • Pöhlbach, 10 km WW II–IV, ab 6 Kubik, Königswalde bis Zschopau-Mündung. Typischer Wald- und Wiesenbach.
  • Zwickauer Mulde, 15 km WW II (IV), ab 10 Kubik, Blauenthal bis Aue. Achtung Wehre!
  • Cerna, 6 km bis WW V, ab 7 Kubik, In Tschechien von Bozi Dar bis Potucky, schwerster Bach im Erzgebirge.

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