06.10.2020

PACKRAFT INTERVIEW

16 Fragen an Sven Schellin (Anfibio Packrafting) zum Thema Packrafting im Allgemeinen und Anfibio im Besonderen. Das Interview entstand im Sommer 2020.
  1. Wie bist du zum Packraften gekommen?
  2. Was kann man unter Packraften verstehen?
  3. Was macht ein gutes/ideales Boot aus? Worauf müssen Kunden achten?
  4. Was ist das typische Einsatzgebiet für ein Packraft?
  5. Hat ein Packraft dabei einen besonderen Vorteil gegenüber anderen Booten? 
  6. Was zeichnet Anfibio gegenüber der Konkurrenz besonders aus?
  7. Wo werden die Produkte von Anfibio hergestellt?
  8. Worauf sollte man bei der Pflege eines Packrafts besonders achten?
  9. Wo wurden Packrafts aus dem Sortiment von Anfibio bereits eingesetzt?
  10. Wo könnte ein Packraft gegenüber Booten aus festem Material an seine Grenzen kommen?
  11. Hat die Popularität zum Packraften in Deutschland zugenommen?
  12. Welche Strecken würdest du in Deutschland besonders empfehlen?
  13. Wie hoch sind die Kosten inkl. notwendigem Zubehör? Wie viel sollte man investieren?
  14. Ist Packraften auch etwas für Anfänger oder benötigt man spezielle Kurse? 
  15. Gibt es Vorurteilen oder Fehlinformationen gegenüber Packrafts, welche du öfter korrigieren musst?
  16. Kannst du ein wenig etwas über die Geschichte deines Unternehmens verraten? 

1. Wie bist du zum Packraften gekommen?

Das war im Jahr 2007 auf der Suche meine Leidenschaft des ultraleichten Wanderns mit der des Paddelns zu verbinden. Wasser war schon immer mein Element, denn Wasserwege sind immer natürlich, versprechen am ehesten Freiheit und Zugang zu Wildnis und das verhältnismäßig bequem. Die Ausrüstung dafür ist aber üblicherweise alles andere als reisefreundlich. So bin ich auf das - sehr alte - Konzept des Packraftings gestoßen, auch wenn es in seinen Anfängen noch nicht so hieß. Land und Wasser zu verbinden ist vor allem eine Idee. Dabei habe ich auch gelernt, dass es auf die Fantasie und Kreativität ankommt. Womit man das Packraften realisiert, wie man es für sich gestaltet, ist fast zweitrangig.

Mit importiertem Miniboot sind wir 2008 von Weißrussland bis Albanien unterwegs gewesen - zwei ausgewachsene Männer und einem gemeinsamen Platzangebot von nicht mehr als 135cm. Die Einstellung und Improvisationsfreudigkeit war sagenhaft. 

Mein Partner Marc ist selbst mit Produkten sozialistischer Bestände aus DDR Zeiten quasi als Packrafter unterwegs gewesen, was es sogar als Eintrag in die deutsche Wikipedia geschafft hat.

Im Jahr 2009 haben wir dann die Anmeldung der Domain Packrafting.de und den Betrieb dieser Informationsseite vorgenommen.

2. Was kann man unter Packraften verstehen?

Packraften im originären Sinne ist die Kombination mit anderen Fortbewegungsarten, was eben nur mit rucksacktauglichen Booten geht. Traditionell ist das das Wandern und Bergsteigen, aber genauso das Fahrradfahren und Inlineskaten sowie der Transport mit öffentlichen Verkehrsmitteln.

All das das ist natürlich kein Dogma. An ein leichtes, funktionales Boot gewöhnt man sich auch so sehr schnell, spätestens beim Umtragen oder bei der Anreise. Klassisches Paddeln mit An- und Abreise per Auto ist natürlich genauso erlaubt.

Wohnmobilfahrer schätzen es genauso wie Segler. Packrafting ist so vielfältig wie seine Besitzer. 

3. Was macht ein gutes/ideales Boot aus? Worauf müssen Kunden achten?

Aufgrund der Vielfältigkeit ist das schwer pauschal zu beantworten. 

Die Spanne reicht immerhin vom 800g-Boot im Format einer Regenjacke bis zum ausgewachsenen Wildwasserzweier mit 7kg. 

Aber ganz einfach gesagt, ein gutes Boot erfüllt seinen Zweck. Beim Packraft gilt das insbesondere, denn es soll eben gerade nicht mehr und auch nicht weniger leisten. Im Prinzip „The smallest tool for the job“. Es gilt also vor allem sich selber zu fragen, was man vor hat - und sich dann entsprechend beraten zu lassen. 

Klar gibt es ein paar Kriterien, welche man immer beachten kann. PVC-Material ist aus unserer Sicht beispielsweise ein klarer Ausschluss. Auch die Rahmenbedingungen des Händlers sind wichtig. Guter Service wie rasche Verfügbarkeit, schneller Umtausch oder eine Werkstatt erspart mögliche Enttäuschungen. 

4. Was ist das typische Einsatzgebiet für ein Packraft?

Einsatzgebiete sind eigentlich alle Gewässertypen, insofern diese den Einsatz eines Packrafts erfordern  (beispielsweise so einfacher zugänglich sind). 

Ausnahmen sind sehr große Distanzen auf offenem Gewässer wie dem Meer oder extremstes Wildwasser. 

Klar kann der Bootstyp auf bewegtem Wasser seine Stärken ausspielen. Auf dem Fluss ist ein Packraft sicher gut aufgehoben. Je nach Typ macht es auch vor anspruchsvollem Wildwasser nicht halt. Andere Modelle machen auch auf Seen keine schlechte Figur. 

Und am Ende ist man froh über das Boot, welches man überhaupt dabei hat! Da ist das letzte Quäntchen Performance dann eher zweitrangig. 

Also, ob norwegischer Fjord, polnischer Sumpf, Mecklenburger See oder Wildfluss der Alpen - Packrafts sind mittlerweile überall zu finden. 

5. Hat ein Packraft dabei einen besonderen Vorteil gegenüber anderen Booten? 

Oh, das fallen mir einige ein, wie einfacher Transport, universeller Einsatz, vielseitige Kombinationsmöglichkeit, neuartige Interpretation von Wassersport, kentersicherer Einsatz, leicht manövrierbar, intuitiv erlernbar, bequemer Sitz, schnelle Reaktion, verzeihendes Fahrverhalten, Toleranz ggb. Grundkontakt und Zusammenstößen, wenig Lagerplatz, wartungsfrei, unempfindlich, alterungsbeständig, langlebig, kälteelastisch, umweltfreundlich (sofern so hergestellt), und man könnte diese Liste sicher noch weiter fortführen ...

6. Was zeichnet Anfibio gegenüber der Konkurrenz besonders aus? 

Anfibio zeichnet vor allem der Systemgedanke in Sachen Packrafting aus. Der Name repräsentiert nicht nur eine Marke sondern einen Verbund aus Blog, Store und Gear, von der Inspiration bis zur Produktentwicklung. 

Kennzeichnend ist das abgestimmte Komplettangebot aus Rucksackbooten und ultraleichter Wassersportausrüstung. Gerade bei spezifischem Zubehör sucht man anderswo oft vergeblich.

Produktseitig haben wir uns vor allem im Ultraleichtsegment einen Namen gemacht, d. h. man findet bei uns die leichtesten Packrafts auf dem Markt. Deren Konstruktion ist zudem 100% umweltfreundlich und klebefrei geschweißt. 

Mit einem exklusiven Partner finden sich außerdem strömungsoptimierte, schnelle sowie extra robuste Packrafts im Angebot.

Dennoch bleiben wir dem Open Source Gedanken verbunden. Sofern es einen Mehrwert für Packrafter bietet, verschließen wir uns Drittanbietern (sofern diese das unterstützen) nicht. Das sichert Vielfalt, Auswahl und Vergleich aus Eigen-, Partner- und Fremdmarken. 

Nicht zuletzt profitiert der Kunde von der leistungsstarken Logistik und dem reibungslosem Service eines etablierten Anbieters. 

Man bekommt bei Anfibio die lange Erfahrung aus den Entwicklungen des letzten Jahrzehnts zu spüren. 

Seit 2011 wird bewusst ausgewählt, liebevoll gestaltet, kontinuierlich verbessert und bei angemessenem Preis-Leistung-Verhältnis auf die Qualität geachtet. 

Wir sind ein leidenschaftlicher Spezialist in Sachen Packrafting mit Pionierarbeit in Europa. 

7. Wo werden die Produkte von Anfibio hergestellt?

Genau wie das durchaus gemischte Geschäftsmodell als Hersteller, Importeur, Händler, Dienstleister (aber mit thematischem Fokus auf die Outdooraktivität Packrafting) ist Anfibio ein eher dezentral aufgestelltes Unternehmen. Entsprechend dem heterogenen Portfolio (inklusive Zubehör) findet die Produktion ganz verschieden und flexibel statt. Momentan fertigen wir in Deutschland, Frankreich, Estland und China.

8. Worauf sollte man bei der Pflege eines Packrafts besonders achten?

Nicht viel, siehe Vorteile unter Frage 7. Sie gelten als wartungsfrei und langlebig. Das wichtigste ist, sich die Einstellung zu bewahren: kindliche Neugier, Improvisation, Selbstironie und eine Portion Humor. 

9. Wo wurden Packrafts aus dem Sortiment von Anfibio bereits eingesetzt?

Unseres Wissens nach gibt es keine Region oder kein Land wo Packrafts aus unserem Sortiment noch nicht eingesetzt wurden. Herausragend sind sicher das Putorana Plateau im zentralsibirischen Hochland (Anfibio Nano SL), ein Urwaldfluss in Sierra Leone (MRS Barracuda R2 Pro), die Grönländischen Fjorde (Anfibio Sigma TX), der Gates-of-the-Arctic-Nationalpark in Alaska (MRS Alligator 2S), oder der Bolivianische Regenwald (Anfibio Delta MX).

10. Wo könnte ein Packraft gegenüber Booten aus festem Material an seine Grenzen kommen?

Starker Wind, geringere Endgeschwindigkeit und eine sichere Eskimorolle sind sicher die Achillesferse des Bootstyps. Damit sind Bereiche wie offenes Meer den Seekajaks und extremes Katarakte Wildwasserkajaks vorbehalten. 

11. Hat die Popularität zum Packraften in Deutschland zugenommen?

Ja, unbedingt, gerade in Zeiten lokaler, aber besonderer Reisen in Zeiten von Corona. Insgesamt passt das Konzept gut in den Trend unserer Zeit: unabhängig, autark, mobil, spontan, kurz, aber intensiv.

12. Welche Strecken würdest du in Deutschland besonders empfehlen? 

Keine, der Reiz liegt in der eigenen Entdeckung und Neu-Kombination lokaler Ziele. Hier wartet auf jeden persönliches Neuland!  

13. Wie hoch sind die Kosten inkl. notwendigem Zubehör? Wie viel sollte man investieren?

Das kommt darauf an, spezielle Packrafts gibt es schon ab 350€. Auch ein teilbares Paddel (59€) sowie eine Schwimmweste (ab 30€) reichen für den Einstieg. Helm und weitere Sicherheitsausrüstung sind ja erst beim Wildwassereinsatz relevant. Ein recht gutes Mittelklassepaket bekommt man jedenfalls schon für unter 1000€. 

14. Ist Packraften auch etwas für Anfänger oder benötigt man spezielle Kurse? 

Ein Packraft ist sicher sehr anfängerfreundlich. Mit gesundem Menschenverstand im Boot, mit Neugier, aber einer gehörigen Portion Respekt im Gepäck kann man seine ersten Schritte und Schläge auch ohne spezielle Ausbildung absolvieren. Spezialisierte Kursanbieter helfen aber natürlich das Können zu fundieren, gerade wenn es in anspruchsvollere Gefilde geht, denn Wasser hat bekanntlich keine Balken. 

15. Gibt es Vorurteilen oder Fehlinformationen gegenüber Packrafts, welche du öfter korrigieren musst?

Nicht mehr (so oft). Aber klar, es kommt schon noch vor, dass man belächelt wird von wegen "keine richtigen Boote" und so, vor allem von klassischen Kanudisziplinen, denen fällt es oft schwer über dem eigenen Süllrand zu schauen. 

Auch nicht selten: "Was passiert denn da, wenn man über einen Stein fährt, kann man die überhaupt reparieren, und wie wird das überhaupt aufgepumpt?" - das sind so die typischen Frage von Neulingen. 

Mittlerweile reagieren Leute oft eher mit Neugier und Faszination auf die durchaus als wertig empfundenen Produkte. 

16. Kannst du ein wenig etwas über die Geschichte deines Unternehmens verraten? 

Geschäftlich aktiv sind wir seit 2011 (mit dem Eintrag als Gewerbebetrieb). Wir sind als Händler gestartet, haben relativ schnell eigene Produkte (Paddel, Trockenanzüge) eingeführt (2012) und 2015 mit der Entwicklung komplett eigener Packrafts begonnen. Spätestens seit 2016/17 können wir auf ein volles Sortiment aus eigenen Produkten zurückblicken.

Wir sind aktuell 4,5 Personen in Vollzeit, aber das sagt nicht unbedingt viel aus, denn es hängt ja davon ab, welche Bereiche man extern abdeckt (von Buchhaltung über Produktion bis Logistik). Insgesamt sind wir schlank nach unseren Kernkompetenzen aufgestellt.

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